
Essensregeln der Eltern können fatal sein
Im Kreislauf von Freßattacken und schlechtem Gewissen / Krankheitsbild
Binge-Eating-Disorder
"Mann, geht's mir scheiße!" Darum verschlingt Anne Müller eine Tüte Chips, tröstet sich mit zwei Tafeln Schokolade und fühlt sich schon besser. Es folgen noch einige Scheiben Knäckebrot mit Frischkäse der Doppelrahmstufe und zu guter Letzt eine halbe Einliterpackung Sahneeis. Endlich Erleichterung. Der quälende Streß, die ganze Last des Tages fallen von ihr ab. Doch ihr Glücksgefühl ist nur von kurzer Dauer. Jetzt ist ihr schlecht. Aber sie wird sich nicht übergeben. Dann wird ihr klar, daß sie es heute schon wieder nicht geschafft hat, keine Süßigkeiten zu essen - schlimmer noch, sie hat wieder gefressen, als ginge es um ihr Leben.
Die heute 18 Jahre alte Gymnasiastin ist stark übergewichtig, trägt Kleidergröße 54, leidet an "Adipositas", das heißt der Fettanteil am Gesamtkörpergewicht ist extrem hoch. Ursache für ihre Krankheit ist eine Eßstörung. Man nennt sie "Binge-Eating-Disorder", kurz Bed genannt.
Nach Ansicht von Gerd Zülske, einem Psychologen der Kinder-Reha-Klinik Bad Kösen in der Nähe von Jena, leiden bis zu 50 Prozent aller Übergewichtigen unter diesem Subtyp der Bulimia nervosa. Anders als bei der Magersucht und der Eß-Brech-Sucht, so erklärt er, leiden diese Patienten unter wiederholten Episoden von Freßanfällen (binge eating). Hierbei nehmen sie in einer bestimmten Zeitspanne eine deutlich größere Nahrungsmenge zu sich, als die meisten Menschen unter ähnlichen Bedingungen zu sich nehmen würden. Weitere Merkmale dieser Eßstörung sind schnelles Essen, ein unangenehmes Sättigungsgefühl und die Aufnahme großer Nahrungsmengen ohne vorheriges Hungergefühl. "Das gefährliche an Bed ist, daß das Umfeld der Betroffenen kaum etwas davon bemerken kann, weil die Patienten aus Scham darüber, so viel zu essen, sich für ihre Freßanfälle möglichst komplett in irgendein Kämmerlein zurückziehen und heimlich essen. Gerade deshalb darf man das Ausmaß dieser Störung des Eßverhaltens nicht unterschätzen: Abgesehen von den körperlichen Auswirkungen führen das schlechte Gewissen und die Ekelgefühle in der Regel zu Depressionen.
Anne Müller ist schon dick, seit sie denken kann. Bereits im Kindergartenalter hatte sie durchschnittlich fünf Kilogramm Übergewicht und wurde stets gehänselt, was in der Grundschule seinen Höhepunkt erreichte. Hinzu kam, daß ihre Eltern durch Eßverbote immer wieder versuchten, das Gewicht ihrer Tochter zu normalisieren. Auf die harten Regeln der Eltern reagierte die damals Zehnjährige, indem sie sich heimlich von ihrem Taschengeld die verbotenen Süßigkeiten kaufte und sie zusammen mit ihrer Freundin aufaß.
Als Anne ihr Verhalten als Krankheit erkannte und als klar war, daß sie ohne fremde Hilfe aus diesem Kreislauf von Freßattacken und schlechtem Gewissen nicht mehr herauskommen würde, wandte sie sich an den Hausarzt ihrer Familie in Freiburg. "Ich hatte jedoch Angst, daß er mich nicht ernst nehmen würde. Leider bewahrheiteten sich meine Ängste. Er war der Meinung, daß es mein persönliches Problem sei, wenn ich es nicht schaffen würde abzunehmen, und daß er mir auch nicht helfen könne." Schließlich wandte sich die junge Frau an einen Psychologen. Sie begann eine Therapie, die sowohl eine Psychoanalyse als auch eine Ernährungsberatung und eine begleitende ärztliche Behandlung einschloß. Dazu wechselte sie den Hausarzt. Nun ging alles schnell, ihre jetzige Freiburger Hausärztin stellte bei der Krankenkasse den Antrag auf einen sechswöchigen Kuraufenthalt. Bewilligt wurde ein Aufenthalt in Bad Kösen.
Jetzt ist Anne hier zur Kur. Der Chefarzt der Kurklinik, Andreas van Egmond-Fröhlich, ein lebhafter Mann mit angegrautem Haar, meint, daß die Kinder häufig gerade durch strenge Essensregeln im Elternhaus dazu verleitet würden, diese Regeln möglichst zu brechen. Deshalb arte das Essen bei ihnen häufig zu einer Trotzreaktion aus. Die Patienten selbst konzentrierten sich übermäßig auf ihre Figur beziehungsweise ihre Eltern kontrollierten zu stark die Figur ihres Kindes. Damit werde ein Streßfaktor aufgebaut, der zum suchtartigen Essen verleite. In der Therapie steht zunächst nicht die Gewichtsabnahme, sondern eine Stabilisierung des Eßverhaltens und die Verbesserung der eigenen Körperwahrnehmung und -akzeptanz im Vordergrund.
Anne erzählt, wie sie nach dem Umzug nach Eichstetten am Kaiserstuhl ihre "Freßkumpanin" verloren und anfangs kaum Kontakte, aber im Essen wieder ein "zuverlässiges Trostmittel" gefunden hatte. Mit dem Frust stieg auch das Gewicht der Zwölfjährigen. Weil ihr nun eine gute Figur immer wichtiger wurde, probierte sie erfolglos mehrere Diäten. "Ich glaube, ich habe sie alle durchgemacht, von der Kohlsuppen- bis zur Chinadiät. Schließlich habe ich Appetitzügler aus der Apotheke genommen. Gebracht haben sie mir leider nichts außer jeweils ein paar Tagen mit Hunger und dem anschließenden Jojoeffekt durch Freßanfälle. Sie aß nach einem Streit mit ihren Eltern oder Freunden, aß bei Streß in der Schule und mußte sogar essen aus Frust darüber, daß sie ihre eigenen Regeln wieder einmal nicht eingehalten hatte.
"Die betroffenen Patienten befinden sich in einem undurchdringlichen Teufelskreis. Häufig sind es familiäre Faktoren, sogenannte soziokulturelle Faktoren, wie das gängige Schlankheitsideal der Gesellschaft, und individuelle Faktoren, zum Beispiel Trennungserlebnisse, die solche Eßstörungen verursachen", sagt der Psychologe Zülske. Anne ist diesem Teufelskreis vielleicht entkommen. Sie hat durch Sporttherapie ihr Selbstbewußtsein gestärkt und durch Ernährungsumstellung ihr Gewicht reduziert. "Mir hat neben der psychologischen Behandlung während der Kur am meisten weitergeholfen, daß ich Gleichgesinnte getroffen habe, mit denen ich mich austauschen konnte."
KAREN EPPLER