Mord aus verschmähter Liebe

von Katharina Helmbold und Alessa Pieroth

 

"So mach, wenn du mich weghaben willst," ertönte ein lauter Schrei durch die Stille der Nacht, den zu dieser späten Stunde jedoch niemand vernahm. Und so begab es sich, dass Gendarmerie-Wachtmeister Alwin Lodz bei seinem morgendlichen Streifzug auf einem Fußpfad entlang der Kinzig einen grauen Rock aus dem Wasser leuchten sah. Bei näherem Herantreten bot sich ihm ein entsetzliches Bild. Der leblose Körper eines Weibes lag mit dem Gesicht im Wasser, ihr Rock sah mit dem Rückenteil heraus. Der Wachtmeister erstarrte. Man hatte dem Kopf einen Schuss in die Stirne beigebracht, der die Schädeldecke so verletzt hatte, dass das Gehirn etwas heraustrat. Ihn überkam das Gefühl der Übelkeit, dem er sich aber nicht hingab. Als er gefasst genug war, um das tote Geschöpf näher zu betrachten, meinte er, die Näherin Rosalia Roth zu erkennen. Eine hässliche Grimasse war an die Stelle des sonst so hübschen Lächelns getreten. Was musste das für ein moralloser Mensch gewesen sein, solch zartes Geschöpf zu morden! Mit diesen Gedanken machte er sich eilig zurück auf den Weg in die Stadt, um die schreckliche Botschaft kundzutun.

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Derweilen huschte im Schutze des morgendlichen Nebels eine dunkle Gestalt an den Ort des Verbrechens, hinterließ einen geschriebenen Zettel und verschwand ungesehen.

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Übers Feld waren jetzt schon die aufgeregten Bürger zu vernehmen, die Wachtmeister Lodz zurück zur Kinzig folgten. Der Schneider Sebastian Roth traf als erster dort unten ein. Kreidebleich sank er bei der Leiche seiner Tochter nieder und hielt plötzlich den geschriebenen Zettel in der Hand. "Seht alle her, was der elende Mordbube uns hinterließ!" Ein Raunen ging durch die Menge. "Mord aus verschmähter Liebe" stand dort geschrieben. Unter Anweisung des sachverständigen Kreisarztes Doktor Richard Lange hob man die Leiche auf eine Bahre und brachte sie in die nahe Stadt. Als Geschrei und Gejammer von Angehörigen und Helfern beinahe verstummt waren, war das morastige Ufer mit den unzähligen Fußtritten einziger Hinweis auf den Aufruhr des Morgens. Nur Wachtmeister Lodz stand noch da mit der Notiz des vermutlichen Mörders in seiner Rechten. Nun lag es an ihm, das rätselhafte Verbrechen aufzuklären.

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Rosalia, die einundzwanzigjährige Näherin, war das hübscheste Kind und das begehrteste Ding der Stadt. Noch war sie ledig, doch zum Leidwesen Dutzender Verehrer hatte sie sich aufgehoben für den angesehenen Oberfeuerwerker der Hanauer Pulverfabrik, Heinrich Weißmann. Wachtmeister Lodz trug angesichts der Tatsache, dass der Mord aus verschmähter Liebe geschah, ein zuversichtliches Wesen zur Schau, den Bösewicht in Bälde an das Blutgerüst zu hängen. In Gedanken sah er bereits Johann Ebenders Kopf in der Schlinge. Der Korb- und Schirmemacher stammte aus einer ehrlosen Zigeunerfamilie. Drei seiner Brüder kamen bereits mit dem Gesetz in Konflikt und wurden innerhalb von acht Jahren hingerichtet. Es war stadtbekannt, dass dieser verwegene Geselle Rosalia seit einiger Zeit mit Liebesanträgen verfolgte, die jedoch von ihr ebenso wie ein Heiratsantrag abgewiesen wurden.

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Wachtmeister Lodz fasste nach der Streichholzschachtel in seiner blauen Rocktasche, als ihm die Zigarre aus dem Mundwinkel fiel. Mit einem Seufzer bückte er sich danach, um ihre Rauchfähigkeit zu testen, und nahm dabei nicht weit entfernt das Blitzen einer Patronenhülse wahr. Bevor er sie neben die Zündhölzer in die Rocktasche steckte, fiel ihm auf, dass es sich um die Patrone eines Browning-Revolvers handeln musste. Es stand ihm die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Wie, in Gottes Namen, war Johann Ebender an solch einen Revolver gelangt? Das galt es jetzt herauszufinden.

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Gefesselt und mit gesenktem Haupte saß Johann Ebender auf einem Schemel, umringt von einer aufgebrachten Gesellschaft. Die Kleidung ländlich, das dunkle Haar zerzaust, die Nase blutverkrustet. Man hatte versucht, den gebrochenen Mann mit Schlägen zum Mordgeständnis zu bewegen. Die halbe Stadt hatte sich in der Gutsschänke "Zum Roten Löwen" zusammengefunden. Hier fand das öffentliche Verhör in der Mordsache Rosalia Roth statt. Der große Saal war erfüllt von heiseren Hetzrufen und Gläsergeklirr, begleitet von wütenden Fausthieben auf die Tische, die gleich einem Trommelwirbel das Verhör einleiteten. Es herrschte Höllenlärm. Seufzend bückte er sich danach, um ihre Rauchfähigkeit zu testen, und nahm dabei nicht weit entfernt das Blitzen einer Patronenhülse wahr. Bevor er sie neben die Zündhölzer in die Rocktasche steckte, fiel ihm auf, dass es sich um die Patrone eines Browning-Revolvers handeln musste. Es stand ihm die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Wie, in Gottes Namen, war Johann Ebender an solch einen Revolver gelangt? Das galt es jetzt herauszufinden.

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Wachtmeister Lodz trat vor den Verdächtigen. "Sch her, dies fand ich am Ort des schrecklichen Verbrechens! Was hast du, Johann Ebender, dazu zu sagen?" Er hielt den Zettel in seiner Linken, siw Patronenhülsen in seiner Rechten. Doch noch bevor Ebender die Möglichkeit zur Antwort fand, brüllte einer: "Schickt ihn endlich zum Henker, den Hurensohn! Jedem ist doch bekannt: Er brachte meiner Liebsten den Tod, weil er sie nicht sein eigen nennen durfte." Der Schreihals, Heinrich Weißmann mit Namen, war der Verlobte Rosalias. Der blonde, ziemlich schlank gewachsene junge Mann erfreute sich inder Stadt des besten Leumunds. Schon bald wollte er mit ihr zum Traualtar schreiten. Die Stimmung in der Gutsschänke erreichte hren Höhepunkt. Mehr und mehr Gerstensaft floß durch die trockenen Kehlen. Wachtmeister Lodz hob seine Stimme auf ein zweites, wurde direkter. "Sprich, Halunke, was weißt du?" Heinrich Weißmann fiel ins Wort: "§Wo verbirgst du den Revolver, mit dem du die Tat begingst?" In Ärger versetzt über die ständige Unterbrechung parierte Wachtmeister Lodz: "Sei still, soll ich dich etwa verhören?" Weißmann verstummte auf einen Schlag. Die Rolle des Hauptverdächtigen spielte plöötzlich er.

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"Bist du, Oberfeuerwerker, nicht einer der wenigen, die im Besitz einer solchen Waffe sind?" — Keine Antwort. Stille. — "Welcher Beschäftigung gingst du während der Tatzeit nach?" — "Welch unverschämte Frage! Ich ruhte ahnungslos in meinem Bette." — "Und wer ist imstande, das zu bezeugen?"Mucksmäuschenstill war das Publikum. Entlarvt war der Täter. Eins kam zu andern. Ein Stuhl fiel, eine Tür flog auf, ein Mensch begab sich auf die Flucht. Was nun folgte, war das Spektakel einer Hetzjagd. Der feige Mordbube nahm auf seinem Rade Reißaus. Doch die zurückgebliebenen Männer hingen ihm blitzschnell an den Fersen. Ein Jagdwagen, begleitet von rund zwei Dutzend Radlern, die böse Beschimpfungen ausriefen, hatten den Trunkenbold geschwind eingeholt, als ihm das folgende Missgeschick geschah: Die durch Alkohol getrübten Sinne gewahrten im Dunkel den nahen Graben nicht. Der Tölpel flog in hohem Bogen vom Drahtesel und blieb regungslos liegen. Mit vereinten Kräften machten sie ihn dingfest. Später gestand er, Rosalia um ihr Leben gebracht zu haben. Wie sich herausstellte, hatte die Gute von vielen Liebschaften an vielen Orten erfahren, aus denen sechs außereheliche Kinder hervorgingen. Mit solch einem morallosen Mensch wollte sie keine eheliche Bindung eingehen. Der eitle Heinrich Weißmann fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Deswegen, so sagte er, habe er sich die Browning genommen. Den Zettel hinterließ er am Tatort, um Johann Ebender in Verdacht zu bringen.

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Als einen Monat später in den grauen Morgenstunden das Armesünderglöcklein ertönte, da wusste man, dass der Mord aus verschmähter Liebe seine Sühne gefunden hatte.

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